Tatjana Aljoschina - geniale Begabung und erstklassiges Handwerk

Autorenkonzert in Kaditzsch: Besucher erlebten Auftritt eines Multitalentes

("Leipziger Volkszeitung" vom 17.12.01)

Grünma/Kaditzsch. Wer sich am Samstagnachmittag in die Nebeldüsternis und zum Autorenkonzert nach Kaditzsch gewagt hatte, wurde reich belohnt. Tatjana Aljoschina, die junge Künstlerin aus St. Petersburg (Diplom am dortigen Konservatorium 1987, Fach: Musiktheorie und Gesang; heute verantwortlich für die Musik am Marionettentheater Petersburg) ist eine erstaunliche, bewundernswerte Entdeckung.

Komponiert hat sie schon als Kind. Sie verfügt über eine weiche Altstimme, warm, dunkel; nach dem Einsingen (sie war erkältet) funktionierte auch die Höhe klar und kräftig. Die zierliche dunkelhaarige Person mit der starken Stimme singt ganz nach innen gewandt, die Augen hinter der Brille geschlossen, mit intensivem Ausdruck. Ihre Melodien - und die scheinen ihr zuzufliegen - drücken Melancholie und Leidenschaft aus. Sie verbindet klassische Melodik und moderne Tonsprache; häufig münden ihre Liedmonologe in Walzerrhythmus, darin ist sie Chopins und Tschaikowskis Nachfahrin. Mit Können begleitet sie sich auf dem Flügel und ebenso auf der Gitarre. Wobei die pianistische Virtuosität verblüffend

ist: Sie habe kein Klavier zur Verfügung und sei es nicht gewohnt, erklärte sie - und übertönte folglich zu Beginn die eigene Stimme mit dem Instrument. Später gab sich das.

Auch russische Volkstradition ist in ihr Werk eingebunden: die des alten geistlichen Gesangs. So begann sie mit einer Bitte an Gott, nicht um Brot, sondern um ein Lächeln. Aber im Wesentlichen schöpft sie ihre Texte aus der Literatur: Alexander Puschkin, Paul Verlaine, Anna Achmatova, Vladimir Nabokov, Marina Zwetajeva. Und das Multitalent dichtet auch selbst. "Wir werden so lange leben wie die Bäume am Wasser", sang sie mit der zeitgenössischen Lyrikerin Olga Sedakova:

Funkelndes Wasser malte das Klavier impressionistisch, glänzende Kreise, und die Stimme erhob sich darüber mit schöner empfindsamer Melodie. Dann Tropfentöne. "Die Bitte" derselben Dichterin: "Herr, mach aus mir etwas Neues. Mach aus mir einen Diamant und verliere ihn in der Wüste. Soll das Licht mit ihm spielen wie kleine Kinder..." Ein düsteres Vorspiel mit starkem Rhythmus, die Stimme nimmt die Melodie auf, wird heller, zwischen

Drängen und zögerndem Fragen.

Bestrickend vier Puschkinlieder Gedichte, die in schlafloser Nacht entstanden. Ich liebte sie - Herr, bewahre meinen Verstand - Beschütze mich, mein Talisman: Zerrissenheit, Sehnsucht, Leidenschaft und Melancholie; klassische Melodik verbunden mit Einsprengseln moderner Disharmonie, in der Begleitung ein eigenartiger Rhythmus, der in einen verzweiflungsvollen Walzer mündet und wieder in die eigene Fremdheit zurückfindet. Dazu die Stimme: leise, fragend, ungestüm, kurz in Sprechgesang wechselnd, dramatisch, verströmend, voll Klage. Klavier und Stimme sind selbstständige Partner, kunstvoll geführt. Nach Puschkin gab es langen, begeisterten Applaus mitten im Konzert.

Die Achmatova Gedichte "Seiten aus Taschkent": sanft, wehmütig, dann rascher, voll Leidenschaft, ein langsamer Wirbel vom Klavier, eine innige, sehr reizvolle Melodie. Ungestüm die Begleitung von "In den Büchern liebte ich die letzte Seite":

wilde Bässe, ein rascher Wirbel der Diskante, hin zum Walzer, pianistisch toll; die Stimme, erst übertönt, setzt sich durch, kraftvoll, leidenschaftlich, zärtlich.

Verlaine: Eine Begleitung, die von Debussys Farben inspiriert ist, mit kapriziösen Klängen; in faszinierendem Gegensatz dazu die Stimme: verhalten, dann voll Leidenschaft und Leiden, traurige Rufe.

Später begleitete sich Aljoschina auf der Gitarre; ab und an spielte und sang sie zur Bandaufnahme eines Orchesters mit ihren modern instrumentierten Kompositionen. Einiges hat sie im Muldental gedichtet und komponiert, so die "Zwei Wetterhähne": Gitarre; traurig graues Wetter, unbehauste Liebende; ein trauriger Walzer klingt durchs Ungemach und erlischt - großartig. Und so behext den Hörer noch vieles. Geniale Begabung und erstklassiges Handwerk.

Tatjana Aljoschina hat die letzten Wochen im Dreiseitenhof gelebt und komponiert; und Elena Frolowa, die ihr im November mit einem Konzert voranging, assistierte ihr am Samstag mit Stimme im Duett, Gitarre, Gusli (einer Art Zither), Balalaika und gottgeschenktem Lächeln (dem einzigen, was Aljoschina in ihrer wunderbaren Musik fehlt). Dolmetscherin war die liebenswürdige Margareta Kabakow.

Christiane Agricola

 

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